Warum Stationsleitungen scheitern_heike Beck-Cobaugh_Klinikcoach

Warum viele Stationsleitungen als Führungskräfte scheitern

Seit nunmehr 27 Jahren bin ich im deutschsprachigen Klinikwesen unterwegs. Als Führungscoach, Trainerin und Schlichterin. Heute möchte ich über eine Gruppe schreiben, mit denen ich immer wieder in Krankenhäusern arbeite. Nämlich den Stationsleitungen.  Stationsleitungen sind auch die größte Zielgruppe, wenn es um die Teilnehmer*innen meiner externen bzw. offenen Seminare in Akademien geht. Sie werden oft von ihrer PDL geschickt.

Stationsleitungen sind eine Gruppe, die gerne dazulernt und die auch extrem selbstkritisch ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass viele dieser Stationsleitungen Frauen sind. Das heißt nicht, dass Männer nicht selbstkritisch sind. Doch die suchen dann nicht immer Hilfe in einer externen Beratung oder in einem Seminar.

Was mir da seit vielen Jahren auffällt ist, dass viele dieser Stationsleitungen eigentlich extrem Führungsschwach sind.  Auch in Team-Schlichtungen, zu denen ich gerufen werde, die oftmals in Pflege-Teams stattfinden, treffe ich immer wieder auf sehr Führungsschwache Stationsleitungen.

Schwache Führungskräfte

Über dieses Phänomen möchte ich heute schreiben und warum es, meiner Meinung nach, so viele schwache Führungskräfte im Stationsleitungsbereich gibt. Außerdem möchte ich auch den einen oder anderen Tipp geben, wie Sie eine Führungsstarke Stationsleitung werden können.

Einer der Hauptgründe für die Führungsschwäche im Stationsleitungsbereich liegt darin, dass viele Stationsleitungen eigentlich nie wirklich Stationsleitungen werden wollten. Sie wurden mehr oder weniger dazu gedrängt.

Ich bin seit über zehn Jahren Referentin in einer Stationsleitungs-Weiterbildung, die in einem größeren Klinikverbund durchgeführt wird. Die angehenden oder teilweise schon in Funktion tätigen Stationsleitungen verbringen schon in den ersten beiden Wochen einen ersten Seminartag mit mir, zum Thema: Rolle der Führungskraft. Dort ist eine meiner ersten Fragen an die Gruppe: „Wie sind Sie eigentlich Stationsleitung geworden? „

Wie sind Sie denn Stationsleitung geworden?

Die Antworten sind fast immer ähnlich. Und in diesen Antworten liegt auch schon das erste Problem, denn die Antworten sind:

  • Man hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte (nicht ob sie das wollen…).
  • Meine PDL war der Meinung, dass sie mir das zutraut.
  • Ich war schon seit ein paar Jahren Interimsstationsleitung und niemand anders wollte das machen.
  • Das Team wollte, dass ich Stationsleitung werde.
  • Es gab niemand anderen, da habe ich gedacht: Na gut, dann mache ich es halt.

Nur selten höre ich: Ich wollte Stationsleitung werden. Noch seltener höre ich, dass die Stationsleitung wirklich Lust auf diese Tätigkeit hatte. Oder, dass sie sich kompetent genug dafür gefühlt hat. Das ist oft auch erkennbar in der nächsten Frage, die ich dann stelle: „Was sind Ihre Stärken und Schwächen als Stationsleitung?“ Die meisten beginnen ihre Antworten erst einmal mit ihren Schwächen. Wenn es dann um ihre Stärken geht, kriege ich oft folgende Antwort: „Da müssten Sie wahrscheinlich meine Kolleg*innen oder PDL fragen.“ Die meisten hatten vor Antritt der Position einfach keine Idee, was die Rolle einer Stationsleitung bedeutet oder was Führung für sie bedeuten könnte.

Nett, lieb und harmoniebedürftig

Ein weiterer Punkt, der mir immer wieder auffällt ist, dass viele dieser Stationsleitungen etwas extrem Nettes und Liebes ausstrahlen.  Wenn ich sie frage: „Was ist Ihre wichtigste Aufgabe als Führungskraft?“, antworten sie mir sehr oft: „Ich muss meine Mitarbeiter motivieren und zufriedenstellen.“ Das ist ja erst einmal nicht negativ, doch ist das nicht unbedingt die wichtigste Aufgabe als Führungskraft…

Meiner Meinung nach ist ein weiteres Problem, dass sich diese Führungskräfte immer noch als normales Mitglied im Team sehen, dessen Hauptaufgabe es ist, die Dienstpläne zu schreiben. Und natürlich zu motivieren und alle immer zufrieden zu stellen. Siehe oben.  Sie sehen sich oft überhaupt nicht als Führungskraft, weil sie auch nicht wissen, was das genau bedeutet. Oder weil sie Führungskräfte generell als etwas Negatives sehen. Führungskräfte sind für sie Menschen, die ihre Macht negativ ausnutzen. Und Macht ist dann natürlich auch etwas Negatives für sie, oder sie sind der Meinung, dass sie keine haben.

Problematisch ist auch, dass sie meistens ein starkes Bedürfnis danach haben, von allen gemocht und geliebt zu werden. Und das macht sie auch Konfliktscheu.

Wie zeigt sich Konfliktscheue im Stationsalltag?

Stationsleitungen wirken oft parteiisch, da sie meistens folgende Vorgehensweise an den Tag legen, wenn eine Kollegin sich über eine andere beschwert: Sie hören sich die Beschwerde an und suchen dann die besagte Kollegin auf, um sie mit der Beschwerde zu konfrontieren. Sie bitten die Kollegin dann meistens damit aufzuhören, oder etwas ganz anders zu machen. Auf die Nachfrage, wer sich beschwert habe, schützen sie die andere Person durch Anonymität. Somit suggerieren sie dem betroffenen Mitarbeiter*in natürlich, dass sie der „anonymen Kollegin“ recht geben…

Oder aber sie bitten die sich beschwerende Mitarbeiterin doch selbst das Gespräch zu suchen. Das vermittelt oft den Eindruck, als würde die Mitarbeiterin alleine gelassen mit dem Problem.

Wenn sie dann doch beide Parteien an einen Tisch bringen, um ein Problem zu klären, fehlen ihnen meistens Schlichtungskompetenzen und sie werden oder wirken leider schnell parteiisch.

Angst vor Kritikgesprächen

Grundsätzlich scheuen sich viele Stationsleitungen davor, Kritikgespräche zu führen. Meistens haben sie Angst vor der möglichen Reaktion der Mitarbeiterin (emotional, nachtragend etc.), oder des Mitarbeiters (Wut, Unverständnis etc.).  Oft kriege ich auch zu hören, dass sie Mitarbeiter*innen nicht ansprechen, weil sie Angst vor einem Krankenschein haben.

Manchmal ist die Kritik auch so verklausuliert, dass der Betroffene gar nicht merkt, dass es sich um eine Kritik handelt. Sie kommen einfach nicht auf den Punkt, sondern reden sich „um Kopf und Kragen“. Gleichzeitig gehen sie aber davon aus, dass jetzt alles besser wird, denn man hat ja darüber gesprochen. Dass aber das Gespräch ohne Vereinbarung und eventueller Nachfolgeaktion oder Konsequenz- Ankündigung auseinander gegangen ist, fällt ihnen nicht auf.

Der angedrohte Krankenschein

Doch gehen wir noch einmal zurück zu angedrohten Krankenscheinen. Viele der Stationsleitungen scheuen sich davor, mit Mitarbeitern zu sprechen, wo erwartbar ist, dass dieser Mitarbeiter*in den Krankenschein als Waffe benutzt. Sie erzählen mir sogar oft, dass Mitarbeiter ihnen immer wieder mit dem Krankenschein drohen, wenn sie ihre Wünsche nicht erfüllt bekommen. Gleichzeitig sind sie nicht in der Lage dem Mitarbeiter*in klar zu sagen, dass bei einer solchen Androhung eine Abmahnung folgt.

Stattdessen gehen sie oftmals den Weg des geringsten Widerstandes. Heißt, dass sie nachgeben und zum Beispiel Dienste immer mit denen besetzen, die keinen Widerstand leisten. Mit Leistungsträgern oder harmoniebedürftigen Mitarbeiter, die schnell nachgeben.  Das führt irgendwann dazu, dass die Leistungsträger im Team sich ungerecht behandelt fühlen, beziehungsweise auch nur noch Dienst nach Vorschrift machen. Und andere, die nicht Nein sagen können, irgendwann zu erschöpft sind und wirklich einen Krankenschein brauchen.

Letztendlich hat es immer etwas damit zu tun, dass die Führungskraft, sprich die Stationsleitung, den Konflikt und die Auseinandersetzung mit einer problematischen Person scheut. Ein weiterer Faktor, der mich dazu führt zu sagen, dass viele Stationsleitungen oftmals schwache Führungskräfte sind ist:

  • Sie sind nicht in der Lage, sich Ihren Mitarbeitern gegenüber abzugrenzen.
  • Sie nehmen jede Kritik persönlich und tragen diese teilweise monatelang mit sich rum.
  • Sie lassen sich oft von Mitarbeitern manipulieren und ausnutzen und merken es noch nicht einmal.

Enttäuscht vom Team

Viele der Stationsleitungen, mit denen ich zu tun habe, stehen gedanklich schon davor diese Position wieder abzugeben. Sie haben schon lange das Gefühl, dass sie der Position einfach nicht gewachsen sind. Sie fühlen sich vom Team ausgenutzt und von einzelnen Mitgliedern des Teams verletzt. Gleichzeitig hadern sie aber damit, dass sie diese Entscheidung treffen könnten, denn sie waren doch angetreten in der Hoffnung, dass sie es vielleicht besser schaffen, als ihre Vorgänger*in. Das führt natürlich zu Versagensgefühlen. Besonders schlimm ist es dann, wenn dieser Vorgänger*in noch im Team ist, sozusagen als normales Teammitglied.

Auch dieser Vorgänger*in ist ja oft der Meinung, dass er/sie versagt hat. Oder aber sehen die Schuld komplett beim Team. Die anderen haben sie fertiggemacht! Deswegen sind sie wieder ins Team zurück. Viele wollen interessanterweise auch nicht das Team verlassen, obwohl dieses ihnen ja doch angeblich böse mitgespielt hat…

Sie sind also wieder normales Teammitglied, haben aber trotzdem Versagensgefühle. Am Anfang fühlen sie sich meistens besser, denn die anderen gehen auch wieder anders mit ihnen um. Sie sind meistens wieder Mitglied des Teams. Das wird dann eventuell problematisch, wenn der Nachfolger*in besser im Team ankommt oder erfolgreicher ist. Für viele erhöht das noch das Gefühl des Versagens. Wenn dann noch das Team, welches vorher der ehemaligen Stationsleitung das Leben erschwert hat, sie jetzt als Vertraute benutzt, sind Konflikte vorprogrammiert. Die Position der neuen Stationsleitung kann damit auf unterschiedliche Weise erodiert werden.

Ich habe schon Teams beraten, in denen 5 ehemalige Stationsleitungen wieder normale Mitglieder desselben Teams waren und die neue Stationsleitung erst Mitte 20, mit relativ wenig Berufserfahrung. Am Anfang war dieser junge Mensch noch sehr motiviert. Und am Ende desillusioniert und verletzt.

Pflegedienstleitungen tragen auch eine Schuld

Ich persönlich sehe da auch eine Verantwortung bei den Pflegedienstleitungen und -direktoren, vorab genauer hinzuschauen. Wer eignet sich wirklich als Stationsleitung? Was für Persönlichkeiten sind im Team vertreten und welche Person ist wirklich geeignet für dieses Team? Vielleicht wäre auch ein externer Bewerber*in besser?  Natürlich weiß ich, dass das momentan schwierig ist, da es einen großen Personalmangel gibt. Doch auch Pflegedienstleitungen haben oft die Tendenz, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und einfach die Person zu nehmen, die sich nicht dagegen wehrt, oder auch gar keine konkreten Vorstellungen von Führung hat.

Ich sage nicht, dass das nicht auch funktionieren kann. Doch wenn es nicht funktioniert, dann ist der Schaden in der Gruppe und auf Station immens. Und gerade bei Konfliktscheuen Stationsleitungen ist Mobbing in Teams mehr vertreten als bei einer Stationsleitung, die Konflikte angeht, be- und verarbeitet.

Das klingt jetzt alles sehr hart. Das ist mir bewusst. Doch spreche ich nur aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung mit Stationsleitungen. Wenn Sie also eine Stationsleitung sind und diesen Artikel jetzt lesen, stellen Sie sich vielleicht die Frage: „Was kann ich denn jetzt tun?“

Hier ein paar Anregungen:

  1. Reflektieren Sie Ihre Rolle als Führungskraft. Was bedeutet Führung für Sie und welche Art von Führungskraft möchten Sie sein (aber bitte nicht nur ein Wunscherfüller und Zufriedenheitsgenerator).
  2. Stecken Sie sich realistische Ziele für Ihre Station.
  3. Machen Sie sich schlau, was zu Führung dazugehört und lernen Sie dazu.
  4. Erhöhen Sie Ihre Konfliktmanagementkompetenzen und legen Sie gegebenenfalls Ihre Harmoniebedürftigkeit ab.
  5. Stellen Sie sicher, dass Ihr Team akzeptiert, dass Sie für Führungstätigkeiten Zeit brauchen (Führung ist mehr als nur einen Dienstplan erstellen) und Sie nicht mehr ein ganz normales Mitglied im Team sind. Auch wenn das erst einmal weh tut.
  6. Besprechen Sie Ihre Probleme, die Sie in der Klinik haben, nicht mehr mit ihren Mitarbeitern.
  7. Suchen Sie sich moralische Unterstützung bei anderen Führungskräften, zum Beispiel anderen Stationsleitungen.
  8. Besprechen Sie Führungsthemen mit Ihrem Vorgesetzten.
  9. Beschäftigen Sie sich mit Selbstmotivationstechniken.
  10. Achten Sie auf Regenerationsphasen und springen Sie nicht bei jeder Gelegenheit ein.
  11. Seien Sie fair, aber nur zu denen, die es auch verdienen.

Und es besteht natürlich auch die Möglichkeit, sich einen Coach zu suchen, und wenn ich Ihnen behilflich sein kann, freue ich mich, wenn Sie Kontakt mit mir aufnehmen. Und sollten Sie Pflegedienstleitung sein und möchten, dass ich Ihren Stationsleitung bei dem Thema Führung behilflich bin, tue ich das natürlich auch gerne.

Alles Gute.